Wenn das Leitmotiv nicht funktioniert

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Wenn das Leitmotiv nicht funktioniert

Vor einer Woche saß ich bei einem Steuerberater im Besprechungszimmer. An der Wand war ein Wandtattoo mit einem Zitat von Mark Twain: „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“. Der Steuerberater erklärte mir stolz, das sei das neue Leitmotiv der Kanzlei. Da die Stimmung in der Firma in der Vergangenheit nicht so gut war, erhoffe man sich jetzt durch dieses Leitmotiv eine Verbesserung des Arbeitsklimas. Ich zeigte wohl nicht die übliche Reaktion von begeisterter Zustimmung und er fragte mich dann, was ich darüber denken würde. Ich gab folgendes zu bedenken:

Das Mark Twain Zitat funktioniert nicht für den durch die Chefs beabsichtigten Zweck. Die Stimmung innerhalb des Teams wird dadurch nicht besser – ganz im Gegenteil: Das Zitat untermauert den Opferstandpunkt. Der Verantwortliche in diesem Satz ist der Tag und nicht der Mensch. Dem Tag gebührt die Chance. Abends kann man dann zu dem Tag sagen: „Tja, Du hattest die Chance – aber Du hast sie nicht genutzt. Nun, versuch es einfach morgen noch einmal und streng Dich etwas mehr an, lieber Tag!“. Laut Zitat liegt es nicht am Menschen, ob der Tag schön wird, sondern am Tag selbst. Der Tag soll sich „gefälligst“ mehr anstrengen…

Das ist Opfersprache mit all ihren Konsequenzen. Niemand ist verantwortlich und weil dann keiner etwas tut, ändert sich auch nichts. Der Opferstandpunkt ist sehr verbreitet, funktioniert allerdings nicht für ein erfolgreich erfülltes Leben. Auf dem Opferstandpunkt sucht man den Schuldigen außerhalb von sich. Ein Täter lässt sich leicht und schnell finden. Der Urheberstandpunkt funktioniert hingegen für ein erfolgreich erfülltes Leben. Urheber sein bedeutet, ich bin für alle meine Ergebnisse und Gefühle voll verantwortlich. Erst dadurch ist ein dauerhaft erfolgreich erfülltes und glückliches Leben möglich.

Woran erkennt man den Opferstandpunkt?

Den Opferstandpunkt erkennst Du an der Sprache. Immer wenn in Deiner Aussage die Verantwortung für Dein Ergebnis außerhalb von Dir liegt, stehst Du auf dem Opferstandpunkt. Dir passieren dann die Dinge einfach, ganz ohne Dein Zutun. Wenn Dich zum Beispiel die Polizei anhält, weil Du in der 30ger Zone zu schnell gefahren bist, wie reagierst Du dann? Die wenigsten sagen „Ich bin verantwortlich, weil ich zu schnell gefahren bin und trage selbstverständlich die Konsequenzen.“. Die meisten stellen sich auf den Opferstandpunkt und suchen Ausreden, wie z. B. „Ich muss wirklich ganz dringend irgendwo hin.“, „Da war gar kein Schild!“, „Das Schild war nicht lesbar!“ oder sie geben der Polizei die Schuld mit „Sie haben wohl nichts anderes zu tun, als unbescholtene Mitbürger zu schikanieren, fangen sie lieber Verbrecher!“. Man sucht Begründungen für sein Verhalten außerhalb von sich selbst, in der Hoffnung, die erwartete Strafe zu umgehen. Danach geht es dann weiter mit der Opfersprache wie z. B. „Meine Stimmung ist schlecht, blöde Bullen, die sind schuld, weil die mich geblitzt haben.“. Wenn die Konsequenz dann ein vierwöchiges Fahrverbot ist, wird die Opfersprache noch deutlicher hörbar.

Wenn Du nach dem Urheberprinzip leben willst, gilt es als erstes, die Verantwortung anzuerkennen, die Du für alle Ergebnisse in Deinem Leben hast. Für die, die Dir gefallen und besonders für die, die Dir nicht gefallen.

Wenn Dir von einer Behörde eine Strafe auferlegt oder etwas verboten wird, kannst Du davon ausgehen, dass Du gegen ein Gesetz verstoßen hast. Jetzt kannst Du Dich vom Urheberstandpunkt aus gesehen fragen, wieso Du denkst, dass für Dich andere Regeln gelten oder Du Dich nicht an diese Regeln halten musst. Solltest Du wirklich zu Unrecht bestraft worden sein, kannst Du Dich fragen, wie Du das hinbekommen hast. Der Urheberstandpunkt ermöglicht Dir Erkenntnisse und dadurch Korrekturmöglichkeiten. Der Opferstandpunkt ermöglicht Dir das nicht.

In der Aktion der Geschäftsleitung, ein Wandtattoo zu befestigen, wird deutlich, dass auch die Chefs die Ursache nicht bei sich sehen und das Zitat es jetzt richten soll. Sie denken, das Zitat an der Wand ist die Lösung für das Problem. Die Chefs und die Mitarbeiter sehen sich nicht in der Verantwortung für die „schlechte“ Stimmung. Alle können es ab jetzt auf den Tag schieben, der soll gefälligst die Chance ergreifen und der schönste im Leben aller werden; nach dem Motto: „Ich ändere nichts und alles soll anders werden.“ – das funktioniert nicht!

Ein verbessertes Leitmotiv

Wenn alle in der Kanzlei wirklich ein besseres Arbeitsklima wollen, dann müssten die Chefs zunächst herausfinden, was an ihrem Führungsstil nicht funktioniert. Hier liegt die Ursache – nicht bei den Mitarbeitern und schon gar nicht beim Tag. Die Mitarbeiter zeigen mit der „schlechten“ Stimmung an, wenn etwas auf der Führungsebene nicht funktional ist. Erst wenn die Chefs das verändern, wird sich die Stimmung signifikant und nachhaltig verbessern. Um das Problem der „schlechten Stimmung“ zu beheben, könnte man einen Urheber-Coach einsetzen, der das Führungsdefizit mit der Führungsebene wertungsfrei untersucht und wandelt.

Ein funktionaleres Leitmotiv für das Büro wäre: „Mache jeden Tag zu einem schönen Tag, denn es liegt an Dir, wie der Tag wird!“ oder „Wenn Du nichts änderst, ändert sich nichts!“ und auch dieses Zitat funktioniert nur, wenn Du es anwendest.