Erziehung ist keine Dressur

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Erziehung ist keine Dressur

Eltern, Lehrer, Erzieher und Pädagogen haben einen Erziehungsauftrag, doch die Erziehung wird bei vielen durch Belehrung, Belohnung und Bestrafung zur Dressur. Kinder haben gefälligst im Sinne der Erwachsenen zu funktionieren und sie sollen so werden, wie wir es von ihnen erwarten. Sie sollen leise, unauffällig, lieb, brav, freundlich und auf keinen Fall eine Belastung sein. Sie sollen gute Leistungen erbringen, tun was wir sagen und uns stolz machen.

Wir leben in einer Zeit, in der es um Erfolg geht. Wir sind ergebnisorientiert und jedes Ziel muss möglichst schnell erreicht werden. Unsere Wünsche und Bedürfnisse sollen gefälligst sofort befriedigt werden. Alles muss einfach sein und wir wollen nicht lange warten und uns auch nicht übermäßig anstrengen. Wir versuchen so viel wie möglich gleichzeitig zu erledigen, um noch mehr zu schaffen. Jede kleine Verzögerung nehmen wir zum Anlass uns aufzuregen, da es nicht in unseren Plan passt, der ja auf Effizienz und Ergebnisse ausgelegt ist. Alles muss reibungslos funktionieren und die Kinder müssen in unseren Tagesablauf hineinpassen. Wenn wir Kinder bekommen, erwarten wir deren pflegeleichte Anpassungsfähigkeit und schnelle Selbständigkeit. Aber das funktioniert nicht.

Die Entwicklung eines Kindes lässt sich nicht beschleunigen. Es braucht genau 18 Jahre, bis ein Kind 18 ist. Das Leben mit Kindern ist prozessorientiert und nicht ergebnisorientiert. Kinder sind keine Roboter, die man an- und ausschalten kann. Sie sind keine Maschinen, die funktionieren und sie sind auch keine wilden Tiere, die es zu bändigen gilt. Kinder sind Menschen. Sie funktionieren nicht, sie leben!

Auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, alles zu planen, zu kontrollieren und vorhersehbar zu machen: Mit Kindern geht das nicht! Eltern wollen es richtig machen und viele sind verunsichert und wissen nicht, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen.

Was ist das Ziel der Erziehung?

Das eigentliche Ziel der Erziehung ist, Kinder dabei zu unterstützen, ihre vielfältigen Kompetenzen auszubilden. Dazu müssen wir sie nicht überreden oder besonders motivieren, denn diese Absicht bringen sie schon mit auf die Welt. Die Entdeckungsfreude und Gestaltungslust ist ihnen angeboren. Sie sind vom ersten Tag darauf aus, sich beständig weiterzuentwickeln und zu wachsen. Ihre begeisterte Neugierde, angeborene Kreativität, Offenheit und Beziehungsfähigkeit gilt es zu erhalten. Damit Kinder diese angeborenen Fähigkeiten nicht verlieren, brauchen sie die Sicherheit, so angenommen, gemocht und geliebt zu werden, wie sie sind.

Wir bieten unseren Kindern den sicheren Rahmen, in dem sie sich ausprobieren und frei entfalten können. Unsere Aufgabe ist es, sie einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren und den Rahmen dafür durch eine liebevolle Führung in Achtung, Respekt, Wertschätzung und mit Vertrauen zu bieten.

Kinder brauchen eine liebevolle Führung, die dort Grenzen setzt, wo das Kind die Konsequenzen seines Verhaltens noch nicht überblicken kann und Gefahr liefe, sich selbst schwer zu schaden. Sie lernen spielerisch, wie Leben funktioniert und sie wollen ihre eigenen Fähigkeiten selbständig entwickeln. Kinder erleben die Welt als wunderbares Abenteuer. Es ist ein Fest für die Sinne und die noch nicht ausgerichtete Aufmerksamkeit nimmt alles wahr. Deshalb dauert mit Kindern alles länger. Die Welt ist viel zu spannend, um ins Bett zu gehen, sich fokussiert die Zähne zu putzen oder sich anziehen zu lassen. Kinder sind umgeben von fantastischen Eindrücken, die viele Erwachsene nicht mehr sehen. Für Kinder ist alles eine Sehenswürdigkeit: Die Schnecke auf dem Stein, die Pfütze auf dem Weg, das zerknüllte Papier am Boden und der Schatten an der Wand. ALLES, wirklich alles, lädt zum Entdecken ein.

Es ist unsere Aufgabe, die Kinder bei der Entdeckung des Lebens zu unterstützen und ihrem Wissensdurst Angebote zu machen, die sie dann selbstbestimmt entdecken können. Sie brauchen keine Belehrungen von jemandem, der es besser weiß und sie müssen weder belohnt noch bestraft werden. Wer meint, er müsse seine Kinder durch Belohnung und Bestrafung abrichten, erzieht sie nicht sondern er dressiert sie. Solche Dompteure vermitteln den Kindern, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und sie, so wie sie sind, nicht richtig sind. Kinder wissen, wie man wächst und sich entwickelt und sie machen das Schritt für Schritt, eins nach dem anderen, aus sich selbst heraus – sie brauchen wirklich niemanden, der sie darin antreibt.

Wenn wir als Eltern unsere Art der Erziehung verändern wollen, dann geht das nur, wenn wir uns selbst verändern. Dafür müssten wir zunächst unsere tief verankerten Überzeugungen darüber, worauf es im Leben ankommt, in Frage stellen. Auch müssten wir jegliche Vorstellung darüber aufgeben, wie Kinder zu sein haben und erkennen, wer sie wirklich sind.

Kinder sind kleine Menschen, die versuchen, sich im Leben zurecht zu finden. Sie wollen leben, glücklich sein, geliebt, gemocht und so gesehen werden, wie sie wirklich sind – genau wie Du auch.